Schockstarre vermeiden: richtig reagieren & Zeit gewinnen

Schockstarre vermeiden: richtig reagieren & Zeit gewinnen

In einem Notfall oder in einer Situation, in welcher wir mit vermeintlicher oder gar reeller Angst konfrontiert werden, ergreift uns die Furcht. Herzschlag und Atmung beschleunigen, unsere Schweissdrüsen werden zu übermässiger Produktion angeregt, der Mund trocknet aus, die Hände zittern und unsere Fähigkeit zum klaren Denken ist blockiert – ein lähmendes Gefühl, welches eine angemessene Reaktion in einem solchen Fall eindämmen oder gar verunmöglichen kann. Ruhe bewahren und der Schockreaktion entgegenwirken – richtiges Handeln verhilft in solchen Situationen zu wertvollem Zeitgewinn und Handlungsspielraum.

Es gibt Situationen, in die wir uns alle nicht freiwillig begeben, die jedoch unerwartet über uns hereinbrechen, wenn das Schicksal zuschlägt. Eine Gruppe Lernender kommt während dem Chemieunterricht beim Experimentieren mit giftiger Flüssigkeit in Kontakt. Die Lehrperson – unbeteiligt am Unfall selbst, unwillentlich jedoch wichtige Beteiligte mittendrin: bei einem solchen Schreckensszenario zählt oft jede Sekunde. Die Angst und die Unsicherheit, wie man als Laie unvorbereitet in einer solchen Situation agiert und vor allem, wie der eigene Körper reagiert, ist bei vielen gross.

Stress kann «dumm» machen

Unsere kognitiven Prozesse können bei Stress stark beeinflusst werden. Dies führt dazu, dass wir unsere Umwelt verändert wahrnehmen. Der Ursprung dieser Reaktion ist Teil eines körperlichen Alarmsystems, das unseren Vorfahren im Laufe der Evolution in gefährlichen Situationen das Leben gerettet hatte. Bei Gefahr blieben früher genau zwei Möglichkeiten: Kampf oder Flucht. Für beide wappnet sich der menschliche Organismus noch heute. Das Gehirn schaltet in einen Notfallmodus: Die Hormone Adrenalin und Noradrenalin werden ausgeschüttet. Um das Blut mit genügend Sauerstoff zu versorgen und es rascher zu den Muskeln der Oberarme und Oberschenkel zu pumpen (statt ins Gehirn), wird zusätzliche Luft in die Lunge gesogen – das verleiht uns mehr Kraft. Körperfunktionen, die bei Gefahr nicht von Nutzen sind, werden reduziert oder gar ganz abgeschaltet, komplexes Denken wird erschwert. Diese Reaktionen verleihen uns die maximal mögliche Energie, um uns zu schützen. Für unsere Vorfahren war dieser Prozess durchaus sinnvoll, in heutigen Situationen ist der Mechanismus eher einschränkend als nützlich. Da die Prozesse jedoch unbewusst ablaufen, sind sie nicht steuerbar. Von besonderer Bedeutung ist dabei auch die subjektiv-psychologische Intensität der aversiven Reize: Zeitdruck und Eile haben zur Folge, dass wir Situationen nicht mehr korrekt einschätzen können. Dies führt unweigerlich dazu, dass wir bei Notfällen wichtige Aspekte übersehen und es so zu Fehlentscheiden oder Fehlhandlungen kommen kann.

Die Kompetenz der Notfalltauglichkeit

Hardegger und Boss (2018) vom IAP Institut für Angewandte Psychologie der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften haben fünf spezifische Anforderungsdimensionen identifiziert und in einem sicherheitspsychologischen Modell für Anforderungsprofile in Sicherheitsberufen abgebildet. Eine dieser fünf Kompetenzen stellt die Notfalltauglichkeit dar. Die beiden Forscher umschreiben diese Anforderung wie folgt: «Notfalltauglichkeit bezeichnet das zielorientierte Handeln ausserhalb des gewohnten Kontextes. Es geht also darum, in sehr anforderungsreichen oder Unsicherheit erzeugenden Situationen mit grossem Zeit- und/oder Handlungsdruck zu entscheiden und zu handeln und dabei innert nützlicher Frist auf einen sicheren und stabilen Systemzustand hinzuwirken.» Die Notfalltauglichkeit einer Person ist somit essenziell, um in einer Stresssituation richtig reagieren zu können. Sind wir dem körperlichen Mechanismus wirklich widerstandslos ausgesetzt oder können wir die Notfalltauglichkeit beeinflussen? Um sich auf Notfälle und weitere unvorhergesehene Szenarien zu wappnen, können wir gemäss Gerd Reimann, Psychologe und Leiter der Fachgruppe Notfallpsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen, zweierlei machen:

1. Handlungsmuster erlernen:

Für viele Gefahrensituationen bestehen verständliche und in der Praxis bewährte Verhaltensregeln. Im Flugzeug beispielsweise wird den Passagieren vor jedem Abflug nochmals eine Instruktion für Notfälle gegeben. Demnach ist es wichtig, dass wir – auch wenn wir die Abläufe bereits kennen oder meinen, diese zu kennen – uns immer wieder aufs Neue bewusst mit den Sicherheitshinweisen auseinandersetzen. Denn wer solche Abläufe verinnerlicht, muss im Notfall nicht improvisieren und fühlt sich weniger hilflos. Für Stresssituationen ohne klare Handlungsempfehlungen ist es ratsam, zu beobachten. Wenn wir Situationen wie beispielsweise Konflikte aufmerksam verfolgen, können wir lernen, wie andere damit umgehen und erfolgreich meistern. Durch gedankliches Üben und wiederholtes Beobachten bildet sich mit der Zeit ein Fundament von Handlungsalternativen, auf das wir im Notfall zurückgreifen können. Sobald wir eine Ahnung haben, was zu tun ist, fühlen wir uns weniger gelähmt.

2. Stärken erkennen:

Selbstreflexion über das eigene Verhalten vergangener Situationen oder Ereignisse, bei welchen wir uns bedrängt und gestresst gefühlt haben, diese jedoch erfolgreich gemeistert haben, stärken das Vertrauen in die eigenen Kräfte, die Fähigkeit zur Problemlösung und das Selbstbewusstsein.

Handlungsmuster zu erlernen und sich auf seine Stärken zu berufen, kann helfen, in Notfallsituationen gelassener zu sein und die Notfalltauglichkeit zu verbessern. Die körperliche Schockreaktion ganz zu unterdrücken, ist damit jedoch nicht möglich. Einigen hilft es, sich selbst leise, beruhigende Sätze zuzusprechen oder die eigene Überforderung einer Drittperson zu offenbaren. Sich selbst abwechselnd rechts und links auf den Oberschenkel klopfen, die Fingerkruppen aufeinanderpressen, kurz auflachen oder die Körperhaltung ändern: all dies aktiviert den Hirnbalken, der bei Stress blockiert sein kann.

Wertvolle Unterstützung durch eine Notfall-App

Notfälle sind nicht vorhersehbar. Auch wenn in Schulen, Organisationen und Unternehmen klare Notfallkonzepte sowie Abläufe bestehen und das verantwortliche Personal geschult wird, besteht bei einem Ernstfall keine Planungssicherheit – ein solches Szenario folgt keinem Schema. In einem Notfall unterstützt die Notfall-App e-mergency® Institutionen dabei, sofort die richtigen (vor-)definierten Massnahmen zu ergreifen, durch Handlungsanweisungen keine Fehlentscheide zu treffen und interne Krisenteamkontakte in kürzester Zeit zu informieren. Durch die Schockstarre in einem Notfall können wichtige, im normalen Alltag verinnerlichte Informationen wie Notfallnummern von unserem Gehirn nicht mehr abgerufen werden – mit e-mergency® kann eine direkte Alarmierung per Knopfdruck ausgelöst werden. Ein digitaler Notfallcoach sozusagen, der Sicherheit und Stabilität bietet, für alle zugänglich ist und durch unseren stetigen Begleiter – dem Smartphone – jederzeit griffbereit ist.

Verwendete Quellen:

  • Birbaumer, N.-P. & Schmidt, R. F. (2010). Biologische Psychologie (Springer-Lehrbuch) (7., überarb. und erg. Aufl.). Heidelberg: Springer.
  • Darley, J. M. & Batson, C. D. (1973). „From Jerusalem to Jericho“: A study of situational and dispositional variables in helping behavior. Journal of Personality and Social Psychology27 (1), 100–108. doi:10.1037/h0034449
  • Hardegger, S. C. & Boss, D. P. (2018). Kompetenzen in der Welt der Sicherheit. KMU-Magazin, 90–93.
  • GEO Magazin (online). Wie man im Notfall Ruhe bewahrt und einen klaren Kopf behält: www.geo.de/magazine/geo-wissen/19915-rtkl-einfache-verhaltesnregeln-wie-man-im-notfall-ruhe-bewahrt-und-einen

 

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